Transdisziplinarität

Promovieren in transdisziplinären Forschungsprojekten: Sprungbrett oder Stolperstein für den wissenschaftlichen Nachwuchs?

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Immer mehr Nachwuchswissenschaftler*innen promovieren im Rahmen von transdisziplinären Verbundprojekten. Das eröffnet eine Reihe von Chancen, birgt aber zugleich eine Reihe von Risiken. Eine kürzlich veröffentlichte empirische Studie geht den spezifischen Herausforderungen, Schwierigkeiten, aber auch den Vorteilen einer „transdisziplinären Promotion“ nach und leitet daraus Handlungserfordernisse ab.

Mit der zunehmenden Verbreitung des transdisziplinären Forschungsansatzes  in den Nachhaltigkeitswissenschaften steigt auch die Anzahl von Doktorand*innen, die im Rahmen transdisziplinärer Forschungsprojekte promovieren und – wie üblich in der Wissenschaft – einen signifikanten Teil der Projektarbeit übernehmen. Eine Promotion in transdisziplinären Forschungsprojekten ermöglicht es Nachwuchswissenschaftler*innen, an innovativen Themen zu arbeiten und potenzielle Lösungsansätze für realweltliche Probleme in enger Zusammenarbeit mit Akteur*innen unterschiedlicher Disziplinen sowie aus der Praxis anwendungs- und umsetzungsorientiert zu erforschen.

Die Anforderungen an Promovierende in transdisziplinären Projekten sind hoch

Hierbei sind transdisziplinäre Prozesse und die enge Zusammenarbeit mit Praxisakteur*innen sehr voraussetzungsvoll und erfordern eine Vielzahl an Fähigkeiten und Wissen, die über die Qualifikationen, die wissenschaftliches Arbeiten verlangt, weit hinausgehen. Nachwuchswissenschaftler*innen müssen sich in einer wissenschaftlichen Disziplin spezialisieren, während sie Forschung in einer eher „undisziplinierten“ Umgebung (Haider et al. 2018) durchführen. Sie sollen wissenschaftliche Exzellenz mit praktischer Relevanz, zeitliche Limitierungen mit unterschiedlichsten Ansprüchen sowie heterogene Zugänge zum Projektthema mit den eigenen Forschungsinteressen harmonisieren. Dabei konkurrieren sie in einem enorm leistungsorientierten beruflichen Umfeld um die wenigen verstetigten Stellen in der Wissenschaft.

Diese Anforderungen können für Nachwuchswissenschaftler*innen schnell überfordernd sein. Denn sie beginnen gerade erst, ihre wissenschaftliche Reputation aufzubauen und zu lernen, wie man wissenschaftlich arbeitet und eine so umfangreiche Tätigkeit wie eine Doktorarbeit selbständig strukturiert und durchführt. Zu Beginn fehlt es ihnen häufig an Erfahrung mit transdisziplinären Prozessen, weshalb sich die Frage stellt, inwieweit Nachwuchswissenschaftler*innen einem transdisziplinären Forschungsansatz gewachsen sind.

Bislang fand die spezifische Situation von Nachwuchswissenschaftler*innen in transdisziplinären Projekten jedoch wenig Beachtung. Um diese besser zu verstehen, haben wir eine Studie durchgeführt, die in der Zeitschrift Environmental Science & Policy erschienen ist.

Wir wollten wissen:

  1. Welche spezifischen Herausforderungen, Schwierigkeiten und Vorteile bringt eine Promotion in einem transdisziplinären Forschungsprojekt mit sich,
  2. welche Strategien haben sich im Umgang mit diesen Herausforderungen bewährt und
  3. was kann im Allgemeinen aus diesen Erfahrungen gelernt werden.

Die Studie basiert auf Interviews und einer Gruppendiskussion mit Nachwuchswissenschaftler*innen, Projektkoordinator*innen sowie Betreuenden, die in transdisziplinären Verbundprojekten zum Thema Nachhaltiges Landmanagement tätig waren.

Die Ergebnisse zeigen, dass Nachwuchswissenschaftler*innen oft eine zentrale Rolle in transdisziplinären Forschungsprojekten spielen und weit über die typische wissenschaftliche Qualifikation eines Promotionsprogramms hinaus zum Projektmanagement und der Gestaltung transdisziplinärer Prozesse beitragen. Zusätzliche Aufgaben führten oft zur Entwicklung neuer Kompetenzen und Fähigkeiten, die für die Karriereentwicklung der Nachwuchswissenschaftler*innen außerhalb der Wissenschaft von Vorteil sein können. Dazu gehören auch umfangreiche Netzwerke in die Praxis hinein, die die Nachwuchswissenschaftler*innen während der Projektlaufzeit aufbauen konnten.

Erfahrungen von Promovierenden zeigen zwei Seiten einer Medaille

Die Studie zeigt jedoch auch, dass eine Promotion im Rahmen von transdisziplinären Forschungsprojekten mit erheblichen Risiken für eine akademische Laufbahn verbunden ist. Insbesondere die Arbeitsüberlastung, ein wahrgenommenes Defizit an wissenschaftlicher Qualität sowie der hohe Druck zur Erzielung von Ergebnissen mit Praxisrelevanz führten dazu, dass das Risiko am Promotionsvorhaben zu scheitern, als höher eingeschätzt wurde.

Um faire Bedingungen für Nachwuchswissenschaftler*innen in transdisziplinären Projekten zu schaffen, braucht es daher mehr Aufmerksamkeit für ihre Situation, aber auch gezielte Strategien sowie maßgeschneiderte Unterstützungsinstrumente, um sie zu fördern. Denkbar wäre beispielsweise die Einführung eines transdisziplinären Doktorats in den Nachhaltigkeitswissenschaften. Verbesserungspotenzial besteht aber auch bei der promotionssensiblen Projektgestaltung in großen Verbundforschungsprojekten oder in der Betreuungsqualität der Doktorand*innen.

Wenn es um Fragen der Verstetigung und Stärkung der Nachhaltigkeitsforschung im akademischen System geht, wird die Perspektive der Nachwuchswissenschaftler*innen häufig vernachlässigt. Dabei kann sicherlich behauptet werden, dass der akademische Nachwuchs von heute die Basis der Nachhaltigkeitsforschung von morgen legt. Vor diesem Hintergrund plädieren wir für eine Professionalisierung transdisziplinärer Forschungs- und Qualifikationsprozesse unter besonderer Berücksichtigung der Situation von Nachwuchswissenschaftler*innen. Schließlich sind die Bedingungen, mit denen Nachwuchswissenschaftler*innen in transdisziplinären Forschungsprojekten konfrontiert sind wichtig, wenn wir als Fachcommunity der Nachhaltigkeitswissenschaften erstens Verantwortung für Nachwuchswissenschaftler*innen in einem hochkompetitiven akademischen System übernehmen, zweitens eine qualitativ hochwertige Ausbildung und die Professionalisierung von transdisziplinären Forschungsprozessen sicherstellen und drittens die Nachhaltigkeitsforschung innerhalb akademischer Strukturen stärken wollen.


Referenz

Haider, L. Jamila; Hentati-Sundberg, Jonas; Giusti, Matteo; Goodness, Julie; Hamann, Maike; Masterson, Vanessa A. et al. (2018): The undisciplinary journey: early-career perspectives in sustainability science. In: Sustainability Science 13 (1), S. 191–204. DOI: 10.1007/s11625-017-0445-1

Mehr Informationen zur Studie:

Rogga, S., Zscheischler, J. (2021). Opportunities, balancing acts, and challenges-doing PhDs in transdisciplinary research projects. Environmental Science & Policy, 120, 138-144. https://doi.org/10.1016/j.envsci.2021.03.009


Autor*innen

Sebastian Rogga

Sebastian Rogga ist studierter Humangeograph und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. in Müncheberg. Er koordiniert gegenwärtig das BMBF-Forschungsvorhaben KOPOS, das zu Kooperations- und Poolingsansätzen in stadt-regionalen Ernährungssystemen forscht.

Jana Zscheischler

Jana Zscheischler ist Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und derzeit BMBF-Nachwuchsgruppenleiterin (Ko-Leitung) am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. in Müncheberg. Ihr Hauptinteressen sind Science-Technology and Innovation Studies, Umweltkonflikte und -gerechtigkeit und Bioökonomie.

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