Transdisziplinarität Allgemein

Zur Wissenschaftlichkeit transdisziplinärer Forschung

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Die Debatte um die Wissenschaftlichkeit von Wissen beschäftigt die Wissenschaftsforschung seit ihren Anfängen und sie wurde durch das vermehrte Aufkommen inter- und transdisziplinärer Forschung (tdF) in den letzten Jahrzehnten auf neue Weise angeregt. Wissenschaftlichkeit gilt als Hauptanspruch wissenschaftlicher Wissensproduktion und wird durch standardisiertes Forschungshandeln hergestellt. Obwohl keine allgemeingültigen Kriterien für wissenschaftliches Forschen existieren, haben sich zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis orientierende Werte und Normen herausgebildet, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) formalisiert sind. Nach Robert K. Merton lassen sich die Werte und Normen der Wissenschaft zu vier institutionellen Imperativen bündeln, die Verhaltensstandards enthalten, welche das Forschungshandeln disziplinär forschender Wissenschaftler*innen anleiten: Kommunismus, Universalismus, Uneigennützigkeit und organisierter Skeptizismus (Merton 1942, siehe Tabelle 1). Im Weiteren werden sie als Heuristik zur Untersuchung der Auffassungen von Wissenschaftlichkeit genutzt. Lassen sich Mertons vier Imperative auch auf die Wissenschaftlichkeit anderer Arten der Wissensproduktion in inter- und transdisziplinären Kontexten anwenden? Inwiefern findet für tdF eine Standardisierung des Forschungshandelns statt und welche Auffassung von Wissenschaftlichkeit dokumentiert sich hier?

Mithilfe eines scoping reviews wurde eine Literatursammlung relevanter Artikel zum Untersuchungsgegenstand erstellt und daraufhin analysiert. Auffällig für die gesichteten Artikel ist eine klare Orientierung an den gängigen wissenschaftlichen Praktiken, wie sie durch die DFG beschrieben werden (DFG 2019). Prinzipien für transdisziplinäres Forschungshandeln werden selten für sich untersucht, sondern stehen häufig im Zusammenhang mit Qualitätskriterien, die in der Bewertung und Evaluation von Forschung expliziert werden. An dieser Stelle scheint eine Differenzierung sinnvoll: Prinzipien werden als Grundsätze verstanden, die das Handeln regelhaft anleiten, während Kriterien als Merkmale zur Unterscheidung und Bewertung dienen. Da Qualitätskriterien die Bewertung von Forschung leiten, werden sie in die Analyse dennoch mit einbezogen, da auch sie handlungsleitend wirken können. Die analysierten Prinzipien und Bewertungskriterien lassen sich zu fünf Standards bündeln, die während des gesamten Forschungsprozesses präsent sind und sich teilweise gegenseitig in ihrer Umsetzung befördern (s. Tabelle 1). Setzt man nun die vorgeschlagenen Standards in Bezug zu den eingangs dargestellten Imperativen von Merton, fällt auf, dass die formulierten Standards für transdisziplinäres Forschungshandeln sich deutlich an denen disziplinärer Grundlagenforschung orientieren, allerdings oft andere Ausprägungen erkennen lassen.

Tabelle 1: Beschreibungen von Mertons Imperativen (1942) für disziplinäre Grundlagenforschung und fünf Standards für transdisziplinäres Forschungshandeln (Henze 2021)

Tabelle 1: Beschreibungen von Mertons Imperativen (1942) für disziplinäre Grundlagenforschung und fünf Standards für transdisziplinäres Forschungshandeln (Henze 2021)
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Die Imperative für disziplinäres Forschungshandeln sind in den Standards für tdF aufgenommen, während weitere tdF Charakteristika zusätzliche Berücksichtigung finden. Wissenschaftlichkeit wird in tdF also durch die Umsetzung der Standards für disziplinäres Forschungshandeln angestrebt, indem Praktiken übernommen und angepasst werden. Das Forschungshandeln in transdisziplinären Wissensgenerierungsprozessen erweitert die disziplinäre Wissensgenerierung. Hinzu kommen Verhaltensregeln, die die transdisziplinäre Forschungsformen definitionsbedingt auszeichnet: die gesellschaftliche Problemlösungsorientierung, die Handlungsstandards wie die Kontextualisierung, Integration und Reflexivität. Hierbei ist anzumerken, dass verschiedene Arten von tdF auch verschiedene Ausprägungen der vorgeschlagenen Standards aufweisen können. So werden die Imperative Kommunismus und Skeptizismus durch die Einbeziehung nichtwissenschaftlicher Akteure um eine soziale Komponente erweitert. Der Universalismus wird durch die Dualität zwischen Einzelfall und Verallgemeinerung in tdF eingeschränkt, und die Uneigennützigkeit wird durch die Einbeziehung sozialer Motive ebenfalls teilweise widerlegt. Die Handlungsstandards ergeben somit eine veränderte Auffassung von Wissenschaftlichkeit, die sich nicht nur gegenüber wissenschaftlichen peers bewähren muss, sondern gleichzeitig durch kontinuierliche Praxisorientierung und soziale Validierung gesellschaftliche Akzeptanz im Sinne sozialer Robustheit erlangen soll.

Ein nächster Schritt für die Forschungspraxis wäre die Weiterentwicklung von standardisiertem Forschungshandeln sowie einheitlichen Qualitätskriterien, die die wissenschaftliche und gesellschaftliche Robustheit in gleichem Maß berücksichtigen und in jeglichem Forschungskontext anwendbar sind. Nur durch Akzeptanz einer Veränderung des Wissenschaftlichkeitsbegriffs können zukünftig Forschende in unterschiedlichen Forschungskontexten den Bewertungen durch Institutionen, Förderer und andere Wissenschaftler*innen standhalten.


Literatur

DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft). 2019. Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Kodex. Bonn: DFG.https://doi.org/10.5281/zenodo.3923602 .

Henze, J. 2021. Zur Wissenschaftlichkeit transdisziplinärer Forschung. GAIA 30/1 (2021): 35-43. https://doi.org/10.14512/gaia.30.1.8

Merton, R. K. 1942. The normative structure of science. In: The sociology of science: Theoretical and empirical investigations. Herausgegeben vonN.W. Storer. Chicago: University of Chicago Press. 267–278.


Autor*innen

Jennifer Henze

Studium der Sozialwissenschaften. 2016 Master Wissenschaft und Gesellschaft mit dem Schwerpunkt der Hochschul- und Wissenschaftsforschung in Hannover. Seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt PlanSmart an der Leibniz-Universität Hannover/Ruhr-Universität Bochum. Forschungsschwerpunkte: Konzepte und Methoden transdisziplinärer Forschung, Stakeholder-Integration und sozial-ökologische Wissenschaftsforschung.

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