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Zukunftsaufgabe Klimaanpassung: Welches Wissen und welche Kompetenzen braucht die kommunale Verwaltung?

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Für viele Kommunalverwaltungen stellt die Zukunftsaufgabe Klimaanpassung eine immense Herausforderung dar. Der Beitrag stellt Ansätze vor, mit denen Kommunen das anspruchsvolle Querschnittsthema Klimaanpassung innovativ angehen können. Im Mittelpunkt steht der systematische Wissens- und Kompetenzaufbau. Dazu werden fünf Empfehlungen vorgestellt.

Am 1. Juli ist das erste bundesweite Klimaanpassungsgesetz (KAnG) in Kraft getreten. Besondere Bedeutung kommt den Kommunen zu: Die Städte, Gemeinden und Landkreise sind die Umsetzungsakteure der Klimaanpassung[i], das heißt, sie entwickeln geeignete Strategien und setzen angemessene Maßnahmen um. In den Worten der Bundesumweltministerin Steffi Lemke spielen Kommunen demnach die entscheidende Rolle“ bei der Klimaanpassung. Entsprechend fordert das Gesetz diese nunmehr dazu auf, Klimaanpassungskonzepte zu erstellen.[ii]

Die Kommunen in Deutschland weisen für diese Aufgabe jedoch sehr unterschiedliche Ausgangsbedingungen auf, da sie sich je nach Topographie, Bevölkerungsstruktur oder finanzieller Situation voneinander unterscheiden. Auch die Kommunalverwaltungen handhaben das Thema Klimaanpassung sehr unterschiedlich, da es bislang in den Bereich der freiwilligen kommunalen Aufgaben fällt: Einige Kommunen haben inzwischen Stellen für Klimaanpassungsmanager*innen[iii] eingerichtet, andere Kommunen verfolgen diese Aufgabe bislang nicht explizit. Entsprechend gibt es bislang auch keine Standards hinsichtlich der erforderlichen Fachkenntnisse, über die Mitarbeitende im Bereich Klimaanpassung verfügen sollten.

Aufgrund dieser unterschiedlichen Voraussetzungen variieren auch die Wissensbedarfe derjenigen kommunalen Verwaltungsmitarbeiter*innen stark, die Maßnahmen zur Klimaanpassung umsetzen sollen. Ihr Wissen und ihre Kompetenzen sind jedoch entscheidend bei der Betrachtung des Fortschritts der Klimaanpassung in den Kommunen. Eine Online-Befragung unter hessischen Kommunen (in 2022) im Rahmen des Forschungs- und Transferprojekts „WissTansKlima“ des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung zum Stand der Klimaanpassung legte ein besonderes Augenmerk auf die Wissensbedarfe der Mitarbeitenden in den hessischen Kommunalverwaltungen[iv] und die Ergebnisse bestätigen: In einzelnen Vorreiter-Kommunen sind bereits seit einigen Jahren Mitarbeitende mit dem Thema Klimaanpassung (zum Teil als Klimaanpassungsmanager*innen, KAM) befasst. Sie haben Betroffenheitsanalysen für die eigene Kommunen durchgeführt, Maßnahmen umgesetzt und sind mit Fördermittelanträgen längst vertraut. In vielen anderen Kommunalverwaltungen fehlt diese Expertise bislang noch. Daher weichen beim Thema Klimaanpassung Wissensstand und -bedarfe stark voneinander ab.[v] Entsprechend groß sind daher für viele Kommunen die Herausforderungen, die aus dem neuen Klimaanpassungsgesetz resultieren.

Klimaanpassung braucht systematischen Wissens- und Kompetenzaufbau

Es zeigt sich, dass die gesetzliche Pflicht zur kommunalen Klimaanpassung von systematischem Wissens- und Kompetenzaufbau in Kommunalverwaltungen bzw. bei Mitarbeitenden der Kommunalverwaltungen begleitet werden sollte.[vi] Das setzt entsprechende Ausbildungs- und Qualifizierungsangebote für dieses noch relativ neue Berufsfeld voraus. Wie kann dieser Wissens- und Kompetenzaufbau bei kommunalen Mitarbeitenden gegenwärtig und zukünftig gelingen?

Die Hochschule Darmstadt (h_da) setzt derzeit bei der Ausbildung von „Generalist*innen für die öffentliche Verwaltung“ an und entwickelt im Rahmen des Projekts „PuMaK“ (Klimaanpassung im Public Management) [vii] für den Studiengang „Public Management“ Lehrmodule zum Thema Klimafolgenanpassung.[viii] Um die relevanten Inhalte für solche Module zu ermitteln, fand im Rahmen des Projekts PuMaK ein Austausch zwischen Mitarbeitenden von Kommunen, Fachstellen auf Landes- und Bundesebene sowie Forschungseinrichtungen statt.[ix] An diesem Workshop nahmen auch Expert*innen des ISOE teil. Dieser Austausch zwischen Wissenschaft, Beratung und Praxis war sehr erfolgreich: Die aktuellen Lehrinhalte der Ausbildung von zukünftigem Fachpersonal für die öffentliche Verwaltung an der h_da konnten mit den Bedarfen und Erfahrungen der Kommunen im Aufgabenbereich Klimaanpassung diskutiert und aktualisiert werden.

Empfehlungen für einen erfolgreichen Auf- und Ausbau zu notwendigen fachlichen und persönlichen Kompetenzen

Welche Kompetenzen und welches Wissen und Wissensbestände sind es, die für ein Mainstreaming der Klimaanpassung an allen Stellen der öffentlichen Verwaltung erforderlich sind? Hier haben sich im Fachaustausch zwischen ISOE, h_da, Kommunen und Fachstellen klare Ergebnisse herauskristallisiert, die nachfolgend in fünf Empfehlungen vorgestellt werden.

1. Unterschiedliche Basisausbildungen für die Aufgabe „Kommunale Klimaanpassung“ in Betracht ziehen

Aufgrund der Vielschichtigkeit der Aufgaben gibt es keinen am besten geeigneten Studienabschluss. Dies bestätigt auch die Musterstellenausschreibung für Klimaanpassungsmanager*innen des Bundesverband Klimaschutz (BVKS), die eine Vielzahl von Studienabschlüssen aufzählt (und hier vermutlich sogar noch offener gestaltet sein könnte). Wichtiger ist die persönliche Bereitschaft und Fähigkeit, sich fehlendes Wissen und fehlende Kompetenzen anzueignen. Darüber hinaus gilt: Je nach fachlichem Hintergrund muss im Berufsalltag weiteres Spezialwissen erworben oder durch externe Expertise bereitgestellt werden.

2. Als Klimaanpassungsmanager*in souverän agieren

Daraus folgt zweitens, dass oftmals weniger die reine fachliche Expertise, sondern mindestens ebenso generische Kompetenzen entscheidend sind. Drei Cluster von Kompetenzen sind hervorzuheben: persönlich-soziale Kompetenzen wie Durchsetzungsstärke, Selbstbewusstsein und eine Kompetenzunterstellung durch andere, Planungskompetenzen wie strategisches, zukunftsorientiertes und systemisches Denken und außerdem rollenreflektierende Kompetenzen wie ein grundlegendes Verständnis für das Spannungsfeld von (kommunal)politischer Umgebung zu den eigenen Aufgaben wie auch die eigene „Sonderrolle“ als Klimaanpassungsmanager*in in der Verwaltung.

3. Klimaanpassung braucht ein ‚Mandat zum Einmischen‘

Die Praxisakteure auf dem Workshop berichteten in vielen Fällen von Schwierigkeiten für Klimaanpassungsmanager*innen, sobald eine fachbereichsübergreifende Koordination erforderlich ist. Daraus folgt, dass Klimaanpassungsmanager*innen darauf angewiesen sind, dass die Kolleg*innen aus anderen Ämtern oder Organisationen ein grundlegendes Verständnis für den besonderen Querschnittscharakter der Aufgaben im Klimaanpassungsmanagement und ganz generell für die Wichtigkeit und Dringlichkeit dieser Aufgabe haben. Klimaanpassung muss von allen Mitarbeitenden in Kommunalverwaltungen als eine Querschnittsaufgabe angenommen und strukturell in Planungs- und Entscheidungsprozesse eingeflochten werden.

4. Wissen über die Notwendigkeit von Klimaanpassung muss fachbereichsübergreifend aufgebaut werden

Die nachhaltige und klimaresiliente (Um-)Gestaltung von Kommunen hängt wesentlich davon ab, wie sehr das Mainstreaming dieser Zukunftsaufgabe durch alle Verwaltungsmitarbeitenden gelingt. Daher ist es wichtig, dass auch die jeweiligen Ämter vom Gesundheits- bis zum Tiefbauamt für sich prüfen, was die Aufgabe Klimaanpassung für ihre Bereiche bedeutet und welche fachspezifischen Anpassungsbedarfe daraus resultieren. Ein für das Thema Klimaanpassung und seine Vielschichtigkeit sensibilisiertes Verwaltungspersonal wäre der ideale Arbeitskontext für die erfolgreiche Entwicklung, Planung und Umsetzung von Klimaanpassungsstrategien und -maßnahmen, die federführend durch Klimaanpassungsmanager*innen initiiert und koordiniert werden.

5. Klimaanpassungsmanager*innen profitieren von Transfernetzwerken

Das gegenwärtige Patchwork-Muster von Ausbildungshintergründen bei Klimaanpassungsmanager*innen sowie sehr unterschiedliche Fortschritte in der Klimaanpassung im gesamten Bundesgebiet (BMUV 2020)[x] sind Ausdruck davon, dass Klimaanpassung noch keine flächendeckende Verankerung in den Kommunen erfahren hat. Es gibt einige Vorreiter-Kommunen mit Umsetzungserfahrung und etablierten Zuständigkeiten; demgegenüber allerdings auch zahlreiche Kommunen, in denen der Unterschied von Klimaschutz zu Klimaanpassung noch nicht in allen Entscheidungsgremien bekannt ist, wie z.B. Fachvertreter*innen auf dem o.g. Workshop berichteten. In solchen Situationen eignen sich horizontale Wissenstransferangebote zum niedrigschwelligen, kollegialen Wissensaustausch bezüglich Förderungen, Umsetzungen, Priorisierungen usw.

Die Zukunftsaufgabe Klimaanpassung kann nicht allein von den Kommunen bewältigt werden. Aufgrund der zeitlich befristeten und knappen Fördermittel sind Kommunen dafür im Moment unzureichend ausgestattet. Zudem sollte auch die projekt- und förderdauerabhängige Form dieser Aufgabe infrage gestellt werden: Klimaanpassung sollte nicht mehr als nachgeordnete Aufgabe betrachtet werden, die nur bei ausreichenden Ressourcen umgesetzt wird. Stattdessen muss sie als grundlegende, alltägliche und immer berücksichtigte Aufgabe in den Kommunen und deren Verwaltungen etabliert werden. Damit dies gelingen kann, bedarf es eines verbindlichen Rahmens für die Kommunen, den das KAnG erstmals liefert. Schließlich helfen konkret definierte Ziele, um die Kommunen, die stets unter Sparzwang stehen, von einer Priorisierung zu entlasten, bei der Klimaanpassung oft keine hinreichende Berücksichtigung findet.


Referenzen

[i] Friedrich, Thomas/Antje Otto (2023): Stand und Fortschritt Klimaanpassung – Forschungsprojekt entwickelt neues Tool für Kommunen. ISOE Blog Soziale Ökologie. Krise – Kritik – Gestaltung.

[ii] Vgl. § 12 Abs. 1 KAnG. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz BMUV fördert zudem die Schaffung (befristeter) Stellen für Klimaanpassungsmanager*innen.

[iii]Klimaanpassungsmanager*innen sind Generalist*innen mit Fachwissen und Vernetzungskompetenzen, die helfen, die verschiedenen kommunalen Fachbereiche, die an der Entwicklung und Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen beteiligt sind, zusammenzuführen und zu koordinieren. Sie agieren als metaphorisches Verbindungsscharnier zwischen den einzelnen Fachbereichen.“

[iv] Friedrich, Thomas/Verena Rossow (2023): Wissenstransfer für Klimaanpassung. Ergebnisse einer Kommunalbefragung in Hessen. Transforming Cities (2), 70-73

[v] Dies zeigen auch die Ergebnisse einer bundesweiten Kommunalbefragung, die Ende 2023 im ISOE-Projekt „KomKlAn“ durchgeführt wurde und deren Veröffentlichung für den September 2024 vorgesehen ist.

[vi] Beispielsweise fasst das Zentrum KlimaAnpassung das neue Berufsfeld überblicksartig zusammen.

[vii] “PuMaK wird gefördert durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) im Rahmen der Deutschen Anpassungsstrategie DAS.

[viii] Seit der jüngsten Reakkreditierung verfolgt der Studiengang einen Schwerpunkt in der Ausbildung von sog. Change Agents, d.h. Akteuren der sozial-ökologischen Transformation.

[ix] Das Autor*innen-Team dankt Katharina Hoffmann für ihre Mitarbeit an der Dokumentation der Veranstaltung. Sie ist Public Management-Studentin und begleitet das Projekt sowohl als Teilnehmerin an den Lehrveranstaltungen als auch unterstützend in ihrer Rolle als Projekthilfskraft vom ersten Semester an.

[x] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) (Hg.) (2020): Zweiter Fortschrittsbericht zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel. Aktionsplan Anpassung III. Berlin, S. 36.


Autor*innen

Verena Rossow

Verena Rossow ist seit 2022 Mitarbeiterin am ISOE und im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Wissenskommunikation mit dem Schwerpunkt „Wissenstransfer“ tätig. In dieser Funktion betreut und begleitet sie am ISOE Projekte an der Schnittstelle von Forschung Transfer; derzeit zu den Themen urbane Biodiversität und Klimaanpassung. Sie studierte Geographie, Soziologie und Kunstgeschichte und wurde 2020 mit einer wissenssoziologischen Dissertation über häusliche Care-Arbeitsverhältnisse an der Uni Duisburg-Essen promoviert.

Sonja Kleinod

Sonja Kleinod ist Philosophin und Soziologin und seit 2019 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der h_da sowie am Zentrum für Nachhaltige Unternehmens- und Wirtschaftspolitik (ZNWU) in verschiedenen Forschungs- und Transferprojekten engagiert. Sie ist als Projektkoordinatorin Ansprechperson für praktisch alle Belange des Projekts „Klimaanpassung im Public Management“ und verantwortet gemeinsam mit Dominik Gager die Entwicklung und Durchführung des Curriculums. Sie ist außerdem Projektmitarbeiterin im „Studienfeld Nachhaltige Entwicklung“ an der h_da.

Dominik Gager

Dominik Gager (geb. Düber) ist seit Januar 2023 Professor für Nachhaltigkeitstransformation, insbesondere im öffentlichen Sektor an der h_da. Seine Schwerpunkte in Lehre, Forschung und Transfer liegen im Bereich der sozial-ökologischen Transformation. Der inhaltliche Fokus liegt dabei auf Themen wie Klimaschutz, Anpassung an die Folgen des Klimawandels, Raumordnung/Landnutzung und Integrität der Biosphäre. Neben seiner Erfahrung in wissenschaftlichen Forschungsprojekten zu diesen Themen hat Dominik fünf Jahre lang in der öffentlichen Verwaltung in den Bereichen Klima, Umwelt und nachhaltige Entwicklung gearbeitet, zuletzt als Leiter eines städtischen Amtes für Umwelt und Klimaschutz.

Thomas Friedrich

Thomas Friedrich ist seit 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter am ISOE in den Forschungsfeldern „Nachhaltige Gesellschaft“ und „Biodiversität und Gesellschaft“. Sein Forschungsschwerpunkt ist das Thema Klimaanpassung. Er studierte und promovierte in Sozial- und Kulturanthropologie an den Universitäten Köln und Hamburg. Seit seiner Promotion am Hamburger Exzellenzcluster „Integrated Climate System Analysis and Prediction“ (CliSAP), für die er eine mehrmonatige ethnographische Feldstudie zur Wahrnehmung des Klimawandels auf den von extremen Klimafolgen besonders betroffenen Philippinen durchgeführt hat, beschäftigt ihn die Frage, wie wir uns als Gesellschaft besser an die Folgen des Klimawandels anpassen können.

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