Wissenstransfer Transdisziplinarität Wissenschaftskommunikation

Wissenstransfer – Wissenschaftskommunikation – transdisziplinäre Forschung: der Versuch einer Orientierung

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© Jo Panuwat D - stock.adobe.com

Der aktuelle Koalitionsvertrag benennt die Förderung der anwendungsorientierten Forschung und des Wissens- und Technologietransfers als zentrales Ziel dieser Legislaturperiode. Dies ist lediglich ein aktueller Beleg für die Karriere des Transferbegriffs, denn inzwischen gilt Wissenstransfer neben Forschung und Lehre als die dritte Säule in den Aufgabenbereichen von Universitäten und Hochschulen.

Eng verbunden mit dieser Entwicklung ist eine Erweiterung der Transferperspektive: vom vorwiegend die Wirtschaft betreffenden klassischen Technologietransfer zum Wissenstransfer in die Gesellschaft, die den Technologietransfer einschließt. Ein breit geteiltes Verständnis von Wissenstransfer fehlt allerdings. Auch die Abgrenzung zum Technologietransfer ist bislang eher unscharf.

Oft wird Wissenstransfer umschrieben mit Begriffen wie „Übertragung“, „Austausch“ oder auch „Vermittlung“ wissenschaftlicher Erkenntnisse in Politik und Gesellschaft. Dahinter steht nicht nur die intrinsische Motivation der wissenschaftlichen Einrichtungen, mit ihrem Wissen zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung beizutragen. Der Wissenschaftsrat formulierte 2016 in seinem Positionspapier zu Wissens- und Technologietransfer, dass das zunehmende Engagement gerade im Wissenstransfer auch eine Reaktion auf die Erwartungen aus Politik und Gesellschaft ist. Er fordert unter anderem die Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf, ihre gesellschaftliche Rolle und die Bedeutung des Transfers zu reflektieren. Das BMBF fördert in der Initiative „Innovative Hochschule“ gemeinsam mit den Ländern seit 2018 gar den forschungsbasierten Ideen-, Wissens- und Technologietransfer. Inzwischen haben viele Einrichtungen eigene Transferstellen etabliert und Transferstrategien entwickelt, um ihre Aktivitäten in diesen Bereichen systematisch anzugehen. Und dennoch: Ein klares Bild, was Wissenstransfer ausmacht, gibt es bislang nicht. Was Ziele und Zielgruppen des Transfers sind und wie Kriterien für erfolgreichen Wissenstransfer aussehen, ist unklar. Konsens zeigt sich hingegen bei der Ablehnung einer Vorstellung von Wissenstransfer, bei dem das Wissen – ähnlich einer Ware – an einem Ort erzeugt und anschließend an den Bestimmungsort transferiert wird, um dort ‚konsumiert‘ zu werden.

Gleichzeitig gewinnt Wissenstransfer vor allem in jenen Forschungsfeldern aktuell an Bedeutung, in denen es sehr stark um Wirkungen von Forschung geht und der Transfer diese Wirkungen fördern und stärken soll. Dies gilt beispielsweise für die transdisziplinäre Forschung als genuinem Modus der Nachhaltigkeitsforschung. Sie will nicht nur neue Erkenntnisse erzeugen, sondern auch gesellschaftliche Transformationen anstoßen und so Wirkung entfalten. Bislang gibt es allerdings auch in der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung noch kein einheitliches bzw. ein unscharfes Transferverständnis. Relevante Begriffe, die in der transdisziplinären Forschung noch nicht systematisch auf Wissenstransfer bezogen werden, sind beispielsweise Dissemination, Übertragbarkeit und Verstetigung.

Auch die Abgrenzung des Transferbegriffs zur Wissenschaftskommunikation ist noch unbestimmt: Nicht selten wird Wissenschaftskommunikation dem Handlungsfeld von Wissenstransfer zugeschlagen. Zudem werden die Anknüpfungspunkte in der transdisziplinären Forschungspraxis nicht immer aktiv adressiert und ausgebaut. Oftmals bleiben Lern(prozess)potenziale unreflektiert und ungenutzt. Ein Grund hierfür liegt in der projektbasierten und damit zeitlich befristeten Förderung in der transdisziplinären Forschung. Zudem müssen Transferaktivitäten als explizite Projektaktivität geplant und budgetiert und vonseiten der Fördermittelgeber auch positiv bewertet werden. Wo also könnten Ansatzpunkte für eine Schärfung des Transferbegriffs in der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung liegen?

Transferprozesse in der transdisziplinären Forschung

Der „Transfer“ von Wissen findet in transdisziplinären Forschungsprozessen an unterschiedlichen Stellen statt. Um die Transferpotenziale gezielt heben zu können, ist ein Blick auf die unterschiedlichen Phasen eines „idealen“ transdisziplinären Forschungsprozesses sinnvoll: In der ersten Phase geht es um die Problemkonstitution mit dem Ziel, gesellschaftliche und wissenschaftliche Probleme zu einem gemeinsamen Forschungsgegenstand zu verbinden. In der zweiten Phase steht die Erzeugung neuen Wissens und die Wissensintegration im Mittelpunkt. Dadurch wird es möglich, die Vielfalt des wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Wissens für die Entwicklung von tragfähigen Problemlösungen zu nutzen. In der dritten Phase des transdisziplinären Forschungsprozesses werden die integrierten Ergebnisse bewertet und gegebenenfalls modifiziert. Die Ausgangsfrage dieses Bewertungsprozesses lautet: Welchen Beitrag leisten die Ergebnisse zu gesellschaftlichen Transformationen – das heißt, wie valide und relevant sind sie für den Umgang mit dem ursprünglichen gesellschaftlichen Problem – und welchen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt – also welche neuen Erkenntnisse konnten innerhalb der Disziplinen und darüber hinaus gewonnen werden, wo sind neue Grenzen des Wissens und damit auch neue Forschungsfragen sichtbar geworden?

Der Gedanke, dass Wissenstransfer erst in dieser letzten Phase ansetzt, greift aber zu kurz. Bereits in der Konstitutionsphase eines Projekts, also dort, wo es um die zu bearbeitenden Probleme geht, finden erste Wissenstransferprozesse über den Austausch von – häufig zunächst divergierenden – Wahrnehmungen des Problems statt. Im – idealtypisch – folgenden Prozess der Wissensproduktion und -integration sind weitere Transferprozesse angelegt, da dieser mit partizipativen, integrativen Methoden zur Erzeugung neuen Wissens gestützt ist. Die Auswahl der Formate und der darin enthaltenen Einzelmethoden ist strukturierend für den gesamten Forschungsprozess und richtungsweisend für den bi- bzw. multidirektionalen Wissenstransfer. In der abschließenden Phase, in der es um die Erstellung und Verbreitung von Erkenntnissen aus transdisziplinären Forschungsprojekten geht, sollen diese mittels Wissenstransfer über den konkreten Projektkontext hinaus in die Breite getragen werden. Es zeigt sich, dass sich die angestrebten gesellschaftlichen Wirkungen von transdisziplinärer Forschung und Wissenstransfer in allen Phasen des transdisziplinären Forschungsprozesses überlappen. Information, Kommunikation, Konsultation und Zusammenarbeit haben innerhalb des Prozesses unterschiedliche Intensitäten – ohne dass bislang hinreichende Klarheit besteht, wie diese Ebenen voneinander abzugrenzen sind.

Transdisziplinäre Forschung befindet sich dabei im Spannungsfeld zwischen kontextspezifischen Lösungsansätzen und der Erwartung, dass diese auf andere Kontexte übertragbar sind. Um transdisziplinär erarbeitetes Wissen über mehrere Fälle hinweg zu transferieren, greifen lineare Transferverständnisse der Verallgemeinerung, Übersetzung und Verpackung von Wissen jedoch zu kurz, da der kontext- und problemspezifische Ansatz transdisziplinärer Forschung eine Anpassung der Ergebnisse an den jeweiligen Zielkontext erfordert. Entgegen dem linearen Transferverständnis wird Wissenstransfer innerhalb der transdisziplinären Forschung vielfach als wechselseitiger und gemeinsamer Lernprozess verstanden, der verschiedene Arten von Wissen bereitstellt und in andere Kontexte transferiert, wo das Wissen wiederum angepasst, angereichert und abgeändert wird.

Gemeinsame Lernprozesse und der verantwortungsvolle Umgang mit neuem Wissen

Um aber langfristige Transferpotenziale freizusetzen, sollten bereits während der Projektlaufzeit drei wesentliche ineinandergreifende Aspekte von Transferprozessen umfassend berücksichtigt und reflektiert werden: 1) angemessene Aufbereitung und Übersetzung der Ergebnisse, 2) Identifikation und Stärkung von Vermittlungspersonen und -institutionen, 3) Interaktion mit Zielkontexten und Aneignung der Ergebnisse dort (Nagy et al. 2020). Was sich bei dieser Debatte aber zeigt, ist ein Verschwimmen der Grenzen zwischen gemeinsamer Wissensproduktion von wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Akteuren, dem Transfer des erzeugten Wissens und schließlich der (dialogorientierten) Kommunikation über Ergebnisse und Erkenntnisse in der transdisziplinären Forschung. Vielleicht entsteht diese Grauzone auch, weil sich Agenda und Kommunikationsmodell der Wissenschaftskommunikation über die letzten Jahrzehnte verändert haben: von der Behebung eines unterstellten Wissensdefizits bei den Zielgruppen über das Initiieren von Lern- und Bildungsimpulsen bis hin zu einer aktiven, partizipativen und dialogischen Auseinandersetzung der Zielgruppen mit wissenschaftlichen Inhalten (Schäfer et al. 2015). Dabei weisen insbesondere dialogorientierte Formen von Wissenschaftskommunikation Überschneidungen mit Transferformaten auf. Die Frage nach deren Verhältnis und Abgrenzung ist konzeptionell jedoch noch weitgehend offen. Dennoch: Wissenstransfer sollte klar von Wissenschaftskommunikation abgegrenzt werden. Wir plädieren dafür, grundsätzlich zwischen Wissenstransfer und Wissenschaftskommunikation zu unterscheiden, um die mit den jeweiligen Leistungsdimensionen verbundenen Zielsetzungen bestmöglich erreichen zu können: Zwar geht es jeweils um die Kommunikation von Wissen bzw. von Forschungsergebnissen – in diesem Sinne kann Wissenstransfer auch als „Akt“ gelingender Kommunikation bezeichnet werden –, aber die Zielsetzungen sind andere: Bei intendiertem Wissenstransfer geht es um das Erzielen von Wirkungen von Forschung in der Gesellschaft. Um dies zu erreichen, werden spezifische Zielgruppen angesprochen. Die zum Einsatz kommenden dialogischen Methoden und Formate sind jedoch kein Garant für das Eintreten von Wirkungen. Aber sie tragen dazu bei, Wirkungspotenziale aufzubauen und damit die Chancen für Wirksamkeit zu erhöhen. Letztlich sind gemeinsame Lernprozesse zwischen Wissenschaft und Gesellschaft das Ziel, die im Idealfall alle beteiligten bzw. betroffenen gesellschaftlichen Akteure dazu befähigen, neues Wissen verantwortungsvoll anzuwenden.

Wissenschaftskommunikation hingegen richtet sich an deutlich breitere Zielgruppen, oft auch an die „Öffentlichkeit“: Die neure Forschung zur Wissenschaftskommunikation spannt einen sehr weiten Bogen und schließt alle Aspekte der Kommunikation wissenschaftlicher Arbeit und wissenschaftlicher Ergebnisse mit ein, sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch bei der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit (Schäfer et al. 2015: 13). Entsprechend heterogen sind die Ziele: Wissenschaftskommunikation will ihre Zielgruppen über Forschungsergebnisse informieren und für Forschung und Forschungsprozesse sensibilisieren und begeistern. Klassische Ziele einer Wissenschafts-PR, wie die Stärkung der Reputation des Instituts gehören ebenfalls zu den Zielen von Wissenschaftskommunikation. Und schließlich „kommuniziert Wissenschaft“ zur Legitimation wissenschaftlichen Handelns. Auch wenn seit einigen Jahren regelmäßig nach neuen Wegen in der Wissenschaftskommunikation gesucht wird, etwa über „dialogische“, „partizipative“ oder „responsive“ Ansätze, wird die Praxis nach wie vor von „linearen Kommunikationsdynamiken“ bestimmt, die sich an den oben genannten Zielen orientieren – und hier immer häufiger klassische PR-Ziele in den Vordergrund rücken.

Gesellschaftliche Relevanz in den Mittelpunkt stellen

Trotz dieser Unübersichtlichkeit wollen wir betonen: Gerade in der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung liegt ein Schatz verborgen, der es ermöglicht, die Wirkungsorientierung in der Forschung zu stärken, indem die Transferkomponenten noch besser verstanden werden. Und anders herum: In der Wissenschaftskommunikation sind viele Konzepte und Formate erprobt, die gut in transdisziplinären Prozessen eingesetzt ihr Transformationspotenzial erhöhen können. Die strukturelle Verknüpfung zwischen Transdisziplinarität, Transfer und Kommunikation ist noch nicht ausreichend ausgelotet. Insbesondere das Aufnehmen gesellschaftlicher Fragestellungen und Problemsichten in den Forschungsprozess bleibt relevant, wenn man die Dialogorientierung in (transdisziplinärer) Forschung, Transfer und Kommunikation ernst nimmt. Aber es sind bereits einzelne Ansatzpunkte bekannt, um innerhalb von Einzelprojekten und darüber hinaus die Wirkungs- und Transformationspotenziale besser zu heben – gerade indem die gesellschaftliche Relevanz der Forschung in den Mittelpunkt gestellt und das Spektrum der Forschungsmodi über die klassische Trennung von grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung hinaus erweitert wird.


Zum Weiterlesen:

Adler, Carolina/Gertrude Hirsch Hadorn/Thomas Breu/Urs Wiesmann/Christian Pohl (2018): Conceptualizing the transfer of knowledge across cases in transdisciplinary research. Sustainability Science 13 (1), 179–190. DOI 10.1007/s11625-017-0444-2

Rogga, Sebastian/Thomas Weith/Thomas Aenis/Klaus Müller/Thomas Köhler/Lisette Härtel/David Brian Kaiser (2014): Wissenschaft-Praxis-Transfer jenseits der „Verladerampe“. Zum Verständnis von Implementation und Transfer in Nachhaltigen Landmanagement. Diskussionspapier (8). Müncheberg. http://modul-b.nachhaltiges-landmanagement.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Diskussionspapiere/8__Rogga2014_Transfer-Implementation.pdf [Stand: 20.12.2021]

Nagy, Emilia/Anna Ransiek/Martina Schäfer et al. (2020): Transfer as a reciprocal process: How to foster receptivity to results of transdisciplinary research. Environmental Science & Policy 104, 148–160. DOI 10.1016/j.envsci.2019.11.007

Schäfer, Mike S./Silje Kristiansen/ Heinz Bonfadelli (Hg.) (2015): Wissenschaftskommunikation im Wandel. Köln: Herbert von Halem


Autor*innen

Alexandra Lux

Alexandra Lux ist seit 2000 wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISOE und leitet seit April 2015 den Forschungsschwerpunkt Transdisziplinäre Methoden und Konzepte. Sie hat an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Wirtschaftswissenschaften studiert und dort auch zum Thema „Öffentliche Wasserversorgung und demographische Schrumpfung“ promoviert. Alexandra Lux besitzt langjährige Forschungserfahrungen in den Bereichen „integrierte Wasserforschung“ und „Sozial-ökologische Biodiversitätsforschung“. Diese Kenntnisse verbindet sie in ihren aktuellen Arbeiten zu Konzepten der transdisziplinären Integration und des Wissenstransfers auf konzeptioneller und theoretischer Ebene.

Nicola Schuldt-Baumgart

Nicola Schuldt-Baumgart leitet seit 2012 den Bereich „Wissenskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit“ des ISOE. Sie studierte an der Philipps-Universität Marburg sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München Volkswirtschaftslehre, Germanistik und internationale Wirtschaftsbeziehungen. Nach ihrer Promotion im Fach Volkswirtschaftslehre an der Universität Marburg arbeitete sie in der Unternehmens- und Markenkommunikation, in der Politikberatung sowie als freie Wirtschaftsjournalistin, u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, Financial Times Deutschland und Frankfurter Rundschau. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wissens- und Nachhaltigkeitskommunikation an den Schnittstellen Wissenschaft – Gesellschaft – Politik. Hier verantwortet sie u.a. die Konzeption und Realisierung innovativer Formate der Wissenschaftskommunikation sowie des Wissenstransfers.

1 Kommentar zu “Wissenstransfer – Wissenschaftskommunikation – transdisziplinäre Forschung: der Versuch einer Orientierung

  1. Beatrice Lugger

    Vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag. Einen Gedanken teile ich nicht. Es ist m.E. nicht sinnvoll Wissenstransfer und Wissenschaftskommunikation voneinander trennen zu wollen. Sie haben sehr viele Schnittmengen, die Übergänge sind fließend. Und vor allem richtet sich gute Wissenschaftskommunikation nicht einfach an „die Öffentlichkeit“ sondern gerade, wenn sie qualitativ hochwertig gemacht wird, an spezifische Zielgruppen.
    Allgemein ist es natürlich so, dass die Frage, welche Akteure und Formate und Ziele zur Wissenschaftskommunikation zählen und welche nicht, schon eine lange Historie hat.
    Weiterhin gutes Gelingen!

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