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Prävention von Zoonosen durch Biodiversitätsschutz – eine sozial-ökologische Aufgabe

Palmölplantage auf Borneo

Palmölplantage auf Borneo. Foto: whitcomberd – stock.adobe.com

COVID-19 hat seinen Ursprung in wildlebenden Tieren und konnte sehr wahrscheinlich im Zusammenhang mit Wildtierhandel auf den Menschen übertragen werden. Dass das menschliche Vordringen in Naturräume und die zunehmende Ausbeutung von Naturressourcen das Auftreten neuer Krankheiten wahrscheinlicher macht, ist schon lange bekannt. Angesichts der dramatisch hohen Kosten der Pandemie spricht vieles für einen konsequenten und globalen Biodiversitätsschutz. Die sozial-ökologische Biodiversitätsforschung am ISOE zeigt, wie dieser Biodiversitätsschutz zur Prävention künftiger Zoonosen gestaltet sein sollte.

 COVID-19 – ein Ereignis mit Ansage

Es gilt als hinreichend belegt, dass das Vordringen der Menschen in natürliche Ökosysteme im Zuge nicht-nachhaltiger Landnutzung und Wildtierjagd eine Ursache für die Zunahme neuer Krankheitserreger ist. Vor der stetigen Zunahme zoonotischer Krankheiten und – infolgedessen – dem gesteigerten Risiko weltweiter Pandemien warnen Expert*innen deshalb seit Jahrzehnten und fordern eine bessere Integration von Umwelt- und Gesundheitspolitik – bisher jedoch weitgehend erfolglos.

Um dieses Versäumnis für die Zukunft auszuräumen, forderten die Vorsitzenden des Globalen Sachstandsberichts des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) schon früh in der Pandemie, die wirtschaftlichen Hilfspakete an einen Ausbau von Schutzmaßnahmen für Biodiversität und Klima zu koppeln.

Mediale und finanzielle Unterstützung für diese Forderung kommt von Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Auch das Umweltbundesamt (UBA) hat eine eigene Task-Force „Was bedeutet die Corona-Krise für die Umweltpolitik“ gegründet und Leitmotive für die künftige Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik formuliert. Nicht zuletzt der Beitritt Deutschlands zur High-Ambition-Coalition for Nature and People (HAC) setzt ein deutliches Signal für einen umfassenden und gerechten Flächenschutz. Auf EU- und UN-Ebene werden ebenfalls entsprechende Programme ausgerollt. Das ist – trotz der späten Einsicht – eine gute Nachricht. Aber wie muss Biodiversitätsschutz zur Prävention von Zoonosen künftig aussehen?

Pauschale Verbote greifen zu kurz

Insbesondere mit Blick auf die Verknüpfung von Maßnahmen des Gesundheitsschutzes mit dem Biodiversitätsschutz gilt: Vorsicht vor übereilten Handlungen und vermeintlich einfachen Lösungen!

Der Wildtierhandel hat ein globales Ausmaß erreicht und die Nachfrage nach diesen seltenen und exotischen „Konsumgütern“ ist Motor für legale wie illegale Jagd und Zucht. Die Rate der Abholzung von Naturflächen für den Ausbau von Landwirtschaft war im vergangenen Jahr höher als je zuvor. Pauschale Verbote der Wildtierjagd und ein umfangreicher Flächenschutz klingen daher aus Naturschutz- und Gesundheitsperspektive verlockend, ignorieren aber die lokalen Lebensrealitäten der davon abhängigen Menschen. Ein mögliches Ausweichen auf illegale Märkte und der damit verbundene Verlust von Kontroll- und Regulationsmöglichkeiten sind Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt. Verbote sind das eine. Aber ohne nachhaltige Alternativen, den Lebensunterhalt zu bestreiten, wird der Wildtiermarkt mit seinen weltumspannenden Lieferketten nicht zu bändigen sein. Auch wissen wir von den Bemühungen im Klima- und Naturschutz, dass das Ausbremsen der Landnahme von natürlichen Ökosystemen gewaltige politische Anstrengungen erfordert. Die regionalen Nutzungsdynamiken sind immer auch von globalen Dynamiken wie wirtschaftlichen Interessen und Handelsbeziehungen getrieben, die nur international reguliert werden können. Dabei geht es nicht zuletzt um das Schaffen gerechter Chancen für die Länder des Globalen Südens, die zugleich die Hauptschauplätze des globalen Biodiversitätsverlustes sind. Das Überwinden der Differenzen erfordert heute mehr denn je nicht nur ökonomische, sondern vor allem auch gesellschaftliche Folgen des Biodiversitätsschutzes auf allen Ebenen, von multinationaler bis zur lokalen Ebene, mitzubetrachten.

Eine Zoonose macht noch keine Pandemie

Auch wenn die Corona-Pandemie für die indirekten Folgekosten von nicht-nachhaltiger Nutzung von Biodiversität eine radikal neue Messlatte darstellt, darf nicht vergessen werden, dass das Entstehen einer Pandemie aus einer lokal begrenzten Zoonose nicht allein mit einem krisenhaften Verhältnis von Gesellschaft und Natur erklärt werden kann. Die globale Ausbreitung neuer Krankheitserreger wird letztlich durch das zunehmende Ausmaß von weltumspannenden Lieferketten und individueller Mobilität erst ermöglicht. Auch hier müssen künftige Strategien der Risikominderung ansetzen. Zusätzlich ist eine Verringerung von Gelegenheiten für die Entstehung neuer Zoonosen an der Quelle unerlässlich. Es geht darum, die Potenziale für einen Biodiversitätsschutz als Prävention künftiger Zoonosen auf der lokalen Ebene zu mobilisieren, ohne die globalen Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren.

Lokalen sozial-ökologischen Biodiversitätsschutz anstoßen

Eine integrierte sozial-ökologische Betrachtung ist dabei hilfreich und auch unabdingbar. Denn diese richtet den Blick auf die Beziehungen der Gesellschaft zur Natur und stellt die lokalen Handlungsweisen, das lokale Wissen um die Nutzung von Biodiversität sowie Wertevorstellungen und Normen der Menschen vor Ort in den Vordergrund. Wenn die Ko-Existenz von Gesellschaft und Natur hier maßgebend ist, dann erst entsteht die Möglichkeit, die Sichtweisen, Bedürfnisse und auch Abhängigkeiten verschiedener gesellschaftlicher Gruppen von Natur und Ökosystemen in den Mittelpunkt des Handelns zu stellen. Im Umgang mit Zoonosen ist dies stets ein Handeln unter Unsicherheit und Nichtwissen mit dem Ziel, die Widerstandsfähigkeit lokaler Gemeinschaften zu stärken.

Für den angewandten Biodiversitätsschutz bedeutet das, dass Lösungen zum Erhalt der Artenvielfalt unter Teilhabe der Menschen vor Ort entwickelt werden müssen. Dies gilt wohlgemerkt ebenso für Regionen der südlichen wie der nördlichen Hemisphäre, in städtischen wie in ländlichen Lebensräumen! Denn Zoonosen entstehen nicht nur durch Wilderei und Regenwaldzerstörung am anderen Ende der Welt. Sie könnten ebenso in der Massentierhaltung im Herzen Europas auftreten, wo Tiere mit geschwächtem Immunsystem in großer Zahl und auf engstem Raum gehalten werden. Zudem muss klar sein, dass unsere heutigen Konsummuster mit der Übernutzung natürlicher Ressourcen in anderen Weltteilen einhergeht. Diese Abhängigkeiten gilt es aufzuzeigen und aufzubrechen, indem wir sozial und ökologisch nachhaltige Systeme gestalten.

Ein sozial-ökologischer Biodiversitätsschutz eröffnet nicht nur ein Mehr an Naturschutz und eine Verringerung der Gefahr des Ausbrechens zoonotischer Krankheiten. Gleichzeitig werden mit ihm auch das lokale Wissen um die Arten und Ökosysteme, die Nutzungsformen, die sozialen Gemeinschaften und kulturellen Identitäten unter Schutz gestellt. Nur wenn wir Biodiversitätsschutz in diesem Sinne als eine sozial-ökologische Aufgabe der Gestaltung lokaler Systeme in globalem Kontext verstehen, können die Potenziale von Biodiversität als Ressource, Erholungsleistung, als Inspirationsquelle und Kulturgut, aber eben auch als Gesundheitsschutz entfaltet werden. Eine Herkulesaufgabe, bei deren Bewältigung wir immer noch am Anfang stehen. Die Dringlichkeit zum Anpacken wird uns durch die aktuelle Pandemie aber deutlicher denn je vor Augen geführt.

Autor*innen

Florian Schneider

Florian Schneider ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ISOE im Forschungsschwerpunkt Biodiversität und Bevölkerung. Nach dem Studium der Biologie und Promotion an der TU Darmstadt hat er am CNRS Montpellier sowie am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt zur Stabilität von Ökosystemen unter menschlicher Nutzung geforscht. Heute beschäftigt er sich mit Fragen der kulturellen und ökologischen Bewertung von biologischer Vielfalt, insbesondere im Zusammenhang mit landwirtschaftlicher Nutzung und in urbanen Räumen.

Lukas Drees

Lukas Drees ist seit 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter des ISOE im Forschungsschwerpunkt Wasserressourcen und Landnutzung. Zuvor war er seit 2013 studentische sowie wissenschaftliche Hilfskraft am ISOE. Er hat Landschaftsökologie an der Universität Münster und Environmental Geography an der Universität Marburg studiert. In seiner Masterarbeit im Rahmen des Projektes micle – Klimawandel, Umweltveränderungen und Migration im Sahel untersuchte er unter Anwendung von Bayes’schen Netzen die Auswirkungen von Umweltveränderungen und sozio-ökonomischen Bedingungen, wie Landdegradation und Bildungsstand, auf das Migrationsverhalten von Menschen in der Sahelzone.

Marion Mehring

Marion Mehring leitet am ISOE den Forschungsschwerpunkt Biodiversität und Bevölkerung. Sie hat an der Universität Bayreuth Geoökologie studiert und an der Universität Greifswald in Humangeographie promoviert. Ihr Forschungsinteresse liegt in der sozial-ökologischen Biodiversitätsforschung bei Fragen des Schutzes und der Nutzung von Biodiversität.

Stefanie Burkhart

Stefanie Burkhart works as a research assistant at ISOE within the research unit Transdisciplinary Methods and Concepts. She studied American Studies and Political Science as well as ‚International Studies/Peace- and Conflict Research’ at Goethe-University Frankfurt and TU Darmstadt. Her research focuses on transdisciplinary biodiversity research, human well-being and ecosystem services as well as Science-Policy Interfaces. // Stefanie Burkhart ist wissenschaftliche Assistentin am ISOE im Forschungsschwerpunkt Transdisziplinäre Methoden und Konzepte. Sie hat Amerikanistik, Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen/Friedens- und Konfliktforschung an der Goethe-Universität Frankfurt und an der TU Darmstadt studiert. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf transdisziplinärer Biodiversitätsforschung, Human Well-Being und Ecosystem-Services-Ansätzen sowie Science-Policy Interfaces.

1 Kommentar zu “Prävention von Zoonosen durch Biodiversitätsschutz – eine sozial-ökologische Aufgabe

  1. […] den Umgang mit COVID-19 Schlussfolgerungen für einen besseren Umgang mit der Corona-Krise bzw. das Vermeiden von zukünftigen Pandemien ziehen zu können. Darüber hinaus lassen sich so Gestaltungsmöglichkeiten von krisenhaften […]

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