Corona Transdisziplinarität Wissenschaftskommunikation

Navigating the infodemic – braucht Wissenschaft ein neues Kommunikationsverständnis?

Word covid-19 and hashtag on red background

Foto: Yulia Lisitsa – stock.adobe.com

Schon vor der COVID-19-Pandemie befand sich die Wissenschaft in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. Länger schon fordern Politik und Gesellschaft von ihr nicht nur gesichertes, sondern vor allem anwendbares Wissen, hinzu kommen Forderungen nach ökonomischer Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen. Die aktuelle Krise beschleunigt diese Entwicklung. Sie wirft dabei auch ein Schlaglicht auf die Rolle der Wissenschaftskommunikation und zeigt, dass ein neues Kommunikationsverständnis unabdingbar ist.

Am 11. März vergangenen Jahres stufte die WHO die rasante Verbreitung des Virus SARS-CoV-2 als Pandemie ein. Die globale Ausbreitung des Coronavirus, auch das wurde damals offenbar, entwickelte sich gleichzeitig zu einer „Infodemie“. In kürzester Zeit beherrschte „Corona“ den öffentlichen Diskurs. Online-Medien stehen hier an erster Stelle, wie eine internationale Untersuchung des Reuters Institute sowie der Oxford University zeigt: In den untersuchten Ländern nutzten die Befragten vor allem soziale Medien, Suchmaschinen, Videoseiten und Messaging-Anwendungen (oder Kombinationen davon), um Nachrichten und Informationen über das Coronavirus zu erhalten. Nahezu parallel wuchs insbesondere in den sozialen Medien die Zahl falscher oder widersprüchlicher Informationen über das Virus und die Erkrankung COVID-19 sprunghaft. „Mit dem Auftreten und der Ausbreitung von COVID-19 bekämpfen wir nicht nur eine Epidemie; wir bekämpfen eine Infodemie“, sagte WHO Director-General Tedros Adhanom Ghebreyesus. In dieser Situation sei es von entscheidender Bedeutung, dass Menschen Zugang zu Nachrichten und Informationen hätten, denen sie vertrauten und die ihnen helfen könnten, die Corona-Krise zu verstehen.

Seit Beginn der Pandemie suchen viele Bürger*innen geradezu den Dialog mit Wissenschaftler*innen und setzen Vertrauen in die veröffentlichten Forschungsergebnisse und Empfehlungen. In einer Erhebung des WiD-Wissenschaftsbarometers während des ersten Lockdowns gaben 73 Prozent der befragten Bürger*innen an, der Wissenschaft zu vertrauen. Die Mehrheit der Befragten befürwortet außerdem eine wissenschaftsbasierte Politik im Umgang mit Corona. Auch wenn diese Werte inzwischen wieder etwas gesunken sind, so ist das Vertrauen in die Arbeit von Wissenschaft und Forschung nach wie vor hoch. Gleichzeitig wächst jedoch die Zahl jener, die einen Dialog mit der Wissenschaft ablehnen und evidenzbasierte Fakten und Entscheidungen grundsätzlich infrage stellen. Die aktuellen Herausforderungen brachte der Wissenschaftsrat Ende Januar 2021 in seinem neuen Positionspapier auf einen Punkt: Wissenschaftler*innen sowie wissenschaftliche Einrichtungen seien gefordert, Wissen von hoher Komplexität zu kommunizieren, das sich zugleich in einem offenen und pluralen wissenschaftlichen Diskurs zu behaupten habe und grundsätzlich revidierbar sei. Dabei träfen sie auf eine Öffentlichkeit, die wissenschaftliches Wissen selektiv und aus unterschiedlichen Perspektiven heraus rezipiere sowie teilweise der Wissenschaft – wie auch anderen „Eliten“ – mit Skepsis begegne.[4]

Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation sind in ihrer Arbeit immer – auch das wird in der jetzigen Situation erneut unterstrichen – mit Themen wie Glaubwürdigkeit und Vertrauen konfrontiert. Vertrauen ist die zentrale Währung im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Doch worauf genau beruht das erstarkte Vertrauen in die Wissenschaft?

Eine Antwort könnte darin liegen, dass seit Beginn der Pandemie Wissenschaftler*innen und ihre Arbeit sichtbarer geworden sind: Normalerweise finden wissenschaftliche Debatten für die Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar auf wissenschaftlichen Konferenzen und in Fachzeitschriften statt. Weil bei der Bekämpfung der Pandemie die Zeit drängte, wurde der Prozess der Qualitätsprüfung wissenschaftlicher Erkenntnisse in den letzten Monaten nachvollziehbarer: Das digitale Zeitalter machte es möglich, dass Bürger*innen nahezu „live“ dabei zusehen können, wie Forschung funktioniert. Deutlich wurde dabei auch, dass Wissenschaft von Versuch und Irrtum lebt, dass ihre Ergebnisse zunächst nur vorläufig sind und dass der Erkenntnisfortschritt auf Kritik und Konsensfindung angewiesen ist. Ein weiterer Grund könnte in der zunehmenden Personalisierung von Wissenschaft liegen. Diese wird in der aktuellen Pandemie vor allem in den sozialen Medien vorangetrieben, und hier durch Wissenschaftler*innen, die beispielsweise über Blogs, Podcasts oder Twitter regelmäßig kommunizieren.

Vertrauen und Glaubwürdigkeit entstehen dann, so zeigen Studien aus der Forschung zur Wissenschaftskommunikation, wenn Wissenschaft und Wissenschaftler*innen Integrität, Expertise und Gemeinwohlorientierung zugeschrieben werden. Gewinnen lassen sich diese Attribute aber nur durch aktive Dialogbereitschaft, durch die Fähigkeit zum Dialog und einen offenen Umgang mit den Unsicherheiten und Vorläufigkeiten von Forschung sowie schließlich der Tatsache, dass gute Forschung Zeit braucht. Dazu gehört auch die Bereitschaft von Wissenschaftler*innen, offen über das zu reden, was wir nicht wissen: Anstatt lediglich Forschungserfolge zu verkünden, müssen sie thematisieren, dass unsicheres Wissen und Nicht-Wissen zur Forschung dazugehören, und sie müssen dieses Nichtwissen bzw. die Unsicherheiten von Wissen einordnen und bewerten. Dazu gehört außerdem, Forschungsprozesse selbst nachvollziehbarer und transparenter zu machen. Schließlich ist es wichtig, einen Umgang zu finden mit den jeweils unterschiedlichen Geschwindigkeiten, die Forschungsprozessen, öffentlich-medialen sowie politischen Prozessen innewohnen.

Zwar arbeiten Wissenschaftskommunikator*innen als Mittler an den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bzw. Wissenschaft und Politik. Wenn es jedoch darum geht, Vertrauen und Glaubwürdigkeit herzustellen, so sind sie auch auf das Engagement von Wissenschaftler*innen angewiesen, die über wissenschaftliche Erkenntnisse in Dialog treten, die Logik wissenschaftlichen Arbeitens und die Bedingungen der Produktion wissenschaftlichen Wissens transparent vermitteln und zudem Vertrauen erzeugen können.

Die COVID-19-Pandemie zeigt aber auch, dass Wissenschaftler*innen und Wissenschaftskommunikator*innen bei der Kommunikation mit der Öffentlichkeit eindeutig an Grenzen stoßen: Die Vielstimmigkeit von Wissenschaft und die daraus resultierende Vielzahl an Berührungspunkten zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sowie der in erster Linie medial vermittelte Diskurs mit seiner Eigenlogik führen dazu, dass neue Erkenntnisse der Forschung selektiv und aus unterschiedlichen Perspektiven heraus aufgenommen wurden. Zudem haben in den vergangenen Monaten offene Diffamierungen von Wissenschaftler*innen immer wieder gezeigt, dass die Funktionsweise der sozialen Medien die viel geforderte Dialogbereitschaft von Wissenschaft und Wissenschaftler*innen zu einer alles andere als leichten Übung macht. Neben „Corona-Leugnern“ haben schließlich auch Expert*innen, die regelmäßig gegen wissenschaftlich begründete Maßnahmen argumentierten, den Dialog von Wissenschaftler*innen mit der Öffentlichkeit erschwert. So wurde in der öffentlichen Debatte hin und wieder der Anschein erweckt, in der Wissenschaft gehe es lediglich um Meinungen und nicht um Fakten und deren kritische Bewertung.

Was bedeutet das zukünftig für die Wissenschaftskommunikation? Für einen professionellen Umgang der Wissenschaftler*innen mit der vielstimmigen Medien- und Kommunikationslandschaft sowie der Heterogenität von Adressaten und deren selektiver Rezeptionsbereitschaft sind in den wissenschaftlichen Einrichtungen und darüber hinaus Unterstützungsstrukturen erforderlich. Dazu gehören professionell arbeitende Kommunikationsabteilungen sowie Freiräume und Strukturen, die das Engagement von Wissenschaftler*innen in der Öffentlichkeitsarbeit anerkennen. Hier besteht eindeutig Nachholbedarf.

Zudem liegt es im Eigeninteresse des Wissenschaftssystems, sich an der Suche nach Lösungen zur Verbesserung der Situation von Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten zu beteiligen. Für die Wissenschaft insgesamt stellt sich daher eine dringliche Aufgabe: Sie muss ihre traditionelle Rolle als ein Instrument der Selbstaufklärung von Gesellschaft neu erfinden und konsequent beanspruchen – in Verbindung mit einer kritisch-konstruktiven Haltung und einem Verständnis von Kritik als Ressource. Das heißt auch: Sie muss aktiv dagegen arbeiten, von Dritten funktionalisiert zu werden, indem diese den offenen Umgang mit den Grenzen des wissenschaftlichen Wissens ausnutzen, um auf eine geradezu obszöne Weise Verschwörungstheorien anzuheizen. Hierin liegt eine weitere Aufgabe für Wissenschaft – neben einer exzellenten und gesellschaftlich relevanten Forschung.

Autor*innen

Thomas Jahn

Thomas Jahn ist Sprecher der Institutsleitung des ISOE und wissenschaftlicher Geschäftsführer. Er ist Mitbegründer des Instituts und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsschwerpunkt Transdisziplinäre Methoden und Konzepte, den er bis 2015 leitete. Unter anderem arbeitet er zu gesellschaftlichen Naturverhältnissen, transdisziplinären Methoden und Konzepten sowie zur sozial-ökologischen Wissenschaftsforschung. Im Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (SBiK-F) ist Thomas Jahn Sprecher des Tätigkeitsschwerpunkts „Ökosystemleistungen und Klima“. Thomas Jahn studierte Soziologie, Politik, Germanistik und Geschichte an den Universitäten Freiburg und Frankfurt am Main und promovierte 1989 zum Thema „Krise als gesellschaftliche Erfahrungsform. Umrisse eines sozial-ökologischen Gesellschaftskonzepts“.

Nicola Schuldt-Baumgart

Dr. Nicola Schuldt-Baumgart leitet seit 2012 den Bereich „Wissenskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit“ des ISOE. Sie studierte an der Philipps-Universität Marburg sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München Volkswirtschaftslehre, Germanistik und internationale Wirtschaftsbeziehungen. Nach ihrer Promotion im Fach Volkswirtschaftslehre an der Universität Marburg arbeitete sie in der Unternehmens- und Markenkommunikation, in der Politikberatung sowie als freie Wirtschaftsjournalistin, u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, Financial Times Deutschland und Frankfurter Rundschau. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wissens- und Nachhaltigkeitskommunikation an den Schnittstellen Wissenschaft – Gesellschaft – Politik. Hier verantwortet sie u.a. die Konzeption und Realisierung innovativer Formate der Wissenschaftskommunikation sowie des Wissenstransfers.

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