Transdisziplinarität Allgemein

Lernen über Transdisziplinarität: Einblick in die Forschungspraxis

Abstraktes Netzwerk (©iStock.com/natrot)

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Vier Merkmale sind charakteristisch für transdisziplinäre Forschung: Sie beschäftigt sich mit komplexen gesellschaftlichen Problemen, beteiligt sind Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen sowie Expert*innen aus dem jeweiligen Untersuchungsfeld, die einzelnen Perspektiven und Erkenntnisse bleiben nicht nebeneinander stehen, sondern werden integriert, und das Ziel ist es, sowohl im Untersuchungsfeld als auch in der Wissenschaft Wirkung zu entfalten. Damit unterscheidet sich transdisziplinäre Forschung von disziplinärer Forschung. Insbesondere für Letztere gilt: Die innerwissenschaftliche Wirkung von wissenschaftlichen Arbeiten wird üblicherweise mit der Anzahl Zitationen von publizierten Artikeln oder mit der Höhe eingeworbener Forschungsmittel erfasst. Gerade für die speziellen Charakteristika von transdisziplinärer Forschung scheint diese Vorstellung von Wirkung jedoch zu kurz zu greifen. So wissen wir aus früheren Forschungsarbeiten, dass allein schon die Teilnahme an einem transdisziplinären Projekt Wirkungen in der Wissenschaft auslösen kann: Es entstehen etwa aus den oft intensiven, gemeinsam mit der Praxis betriebenen Forschungsprozessen detaillierte Einblicke in die erforschten Handlungsfelder, zum Beispiel wenn Forscher*innen über drei Jahre lang in engem Austausch mit Personen aus einer Verwaltungsabteilung (als exemplarischem Projektpartner) stehen und dadurch sehr detailliert mitbekommen, wie die Prozesse, Strukturen und Kultur dort aussehen und funktionieren. Wissenschaftler*innen lernen aber auch aus verschiedenen Disziplinen voneinander oder können Methoden oder Konzepte, die in einem Projekt entwickelt wurden, in einem späteren Projekt an einem anderen Ort weiterverwenden. Zu solchen Wirkungen, jenseits der üblicherweise verwendeten Indikatoren, existiert bislang kaum Forschung. Im Forschungsprojekt tdAcademy wollen wir mehr darüber herausfinden.

Wissenschaft erforschen

Es ist unmöglich, „die Wissenschaft“ als Ganzes zu untersuchen. Wir konzentrieren uns in dem Forschungsprojekt tdAcademy daher auf drei disziplinäre Felder: die Umweltsoziologie, die nachhaltige Chemie und die partizipative Gesundheitsforschung. Umweltsoziologie und nachhaltige Chemie beschäftigen sich beide mit Nachhaltigkeitsproblemen, während es in der partizipativen Gesundheitsforschung um Fragen der Teilhabe oder Vorsorge geht. Mit diesem Forschungsdesign können wir drei recht unterschiedliche Fälle miteinander vergleichen und schauen, wo Unterschiede und Gemeinsamkeiten liegen.

Wir wählen eine klassische sozialwissenschaftliche Vorgehensweise: Um die Frage nach Wirkungen transdisziplinärer Forschung in diesen drei Feldern beantworten zu können, suchen wir Personen, die fest in diesen Disziplinen etabliert sind und gleichzeitig Erfahrung mit transdisziplinären Forschungsprojekten haben. Als Kriterium für die disziplinäre Etablierung sollen die Personen eine Professur innehaben oder habilitiert sein. Auf diese Weise wollen wir sicherstellen, dass die Personen über viel Erfahrungen sowohl in ihrer Disziplin als auch in transdisziplinärer Forschung verfügen.

Als Erhebungsmethode wählen wir qualitative Leitfadeninterviews, weil wir mit den offenen Fragen besonders gut die Einschätzungen und Erfahrungen der Befragten erfassen können. Da unser Thema bislang kaum erforscht wurde, müssen wir erst mal herausfinden, welche Arten von Wirkungen der transdisziplinären Forschung auf Wissenschaft es überhaupt gibt.

Über Internetrecherchen und über unsere bestehenden Netzwerke identifizieren wir geeignete Interviewpartner*innen. Außerdem fragen wir am Ende jedes Interviews die jeweilige Person nach weiteren Kolleg*innen aus ihrer Disziplin, die wir ansprechen könnten. Auf diese Weise haben wir insgesamt 22 Personen für unsere Interviews finden können. Dabei achten wir auch darauf, eine insgesamt ausgewogene Auswahl zu treffen, etwa was die Verteilung auf die drei disziplinären Felder angeht. Wir befragen diese Personen per Telefon oder in einer Videokonferenz. Alle Interviews nehmen wir auf und lassen sie transkribieren.

Dann beginnt die aufwendige Auswertungsarbeit. Dafür entwickeln wir in unserem Forschungsteam Codes und Kategorien, die sowohl auf unserer Fragestellung und Vorüberlegungen basieren als auch durch die in den Interviews genannten Themen erweitert werden. Um uns nicht im Datenberg zu verlieren, nutzen wir ein speziell hierfür entwickeltes Computerprogramm (MaxQDA), mit dem wir verschiedene Abschnitte in den Interviews den jeweils passenden Kategorien zuordnen. Auf diese Weise können wir die markierten Stellen später leichter wiederfinden und auswerten. Gerade auch für die Arbeit im Team ist so eine strukturierte Vorgehensweise wichtig.

Beim Blick auf die verschiedenen Kategorien und die jeweiligen Interviewpassagen werden dann allmählich Muster und wiederkehrende Zusammenhänge sichtbar. Dabei merken wir schnell, dass die Aussagen unserer Gesprächspartner*innen bei bestimmten Themen stark davon abhängen, aus welchem disziplinären Feld sie kommen. Wir sehen zudem, dass es wichtig ist, auch die jeweiligen Motivationen und Rahmenbedingungen für transdisziplinäre Forschung in den drei Disziplinen zu beschreiben.

Einblicke in das Datenmaterial

Aber auch zu unserer ursprünglichen Fragestellung zu Wirkungen in der Wissenschaft haben wir Erkenntnisse gewonnen, auch wenn wir bei der Auswertung noch am Anfang stehen: So sagten alle der Befragten, dass sie durch die interdisziplinäre Projektarbeit und den intensiven Austausch mit Expert*innen aus der Praxis neue Erkenntnisse über ihren Untersuchungsgegenstand bekommen („über den Tellerrand schauen“) und komplexe Zusammenhänge nun besser verstehen und einschätzen können, wie beispielsweise den „Werdegang“ eines Lebensmittels entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Acker bis zum Supermarkt oder die Funktionsweisen einer Organisation mitsamt all ihrer formellen und informellen Eigenarten. Eine einschneidende Erfahrung ist es, nicht mehr die alleinige Autorität über Forschungsprozesse, Inhalte oder Ergebnisse zu haben, sondern diese ein Stück weit an die Expert*innen aus der Praxis abgeben zu müssen. Für alle der Befragten ist es motivierend, mit der eigenen Arbeit tatsächlich Dinge in der Gesellschaft bewegen und umsetzen zu können. Als eher negative Wirkung nennen eine Mehrzahl der Befragten die knappe Zeit für die eigentliche Forschung, weil die enge Zusammenarbeit mit der Praxis viele administrative und organisatorische Arbeiten mit sich bringt. Viele der Befragten berichten außerdem, dass in transdisziplinären Forschungsprojekten weniger wissenschaftliche Publikationen entstehen als in rein disziplinären Projekten. Andere Interviewpartner*innen sehen gerade ihre transdisziplinäre Forschungserfahrung als Alleinstellungsmerkmal innerhalb der disziplinären Community. Transdisziplinär zu forschen heißt zudem für die meisten Befragten auch nicht, ihre Herkunftsdisziplin aufzugeben, es wird vielmehr als eine wichtige Ergänzung betrachtet.

Die Unterhaltung fortsetzen

Diese ersten Eindrücke aus dem Untersuchungsmaterial werden wir weiter systematisieren und in einem Workshop im Juni 2021 mit den interviewten Personen diskutieren. Auf diese Weise wollen wir unsere Auswertung weiter anreichern. Gleichzeitig bieten wir hier den Interviewten die Möglichkeit, sich über ihre eigene Rolle als transdisziplinär Forschende in einer disziplinär ausgerichteten Wissenschaftslandschaft auszutauschen. Die Debatte über wissenschaftliche Wirkungen transdisziplinärer Forschung und über mögliche Spannungen zwischen disziplinärer und transdisziplinärer Wissenschaft möchten wir mit unserer Forschung, aber auch in zukünftigen weiteren Veranstaltungen weitertreiben. Einen zusätzlichen Ort für Austausch von transdisziplinär Forschenden bietet die Webseite td-academy.org. Hier entsteht gegenwärtig eine Plattform, wo sich transdisziplinäre Forschungsprojekte international vernetzen und Erfahrungen oder Fragen diskutiert werden können.

Autor*innen

Lena Theiler

Lena Theiler arbeitet am ISOE als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsschwerpunkt Transdisziplinäre Methoden und Konzepte. Sie studierte Soziologie und Deutsche Philologie an der Freien Universität Berlin und der Universität Basel. Ihre Masterarbeit schrieb sie am KlimaCampus der Universität Hamburg über Einflüsse von Umweltveränderungen auf individuelle Migrationsentscheidungen.

Oskar Marg

Oskar Marg ist seit 2016 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsschwerpunkt Transdisziplinäre Methoden und Konzepte am ISOE tätig. Zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin. Von 2011 bis 2014 war er bereits am ISOE im Forschungsschwerpunkt Energie und Klimaschutz im Alltag tätig. Davor arbeitete Oskar Marg als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für angewandte und empirische Soziologie (EMPAS) an der Universität Bremen. Er hat Soziologie, Geschichte und Arbeitswissenschaften an der Universität Bremen und der Åbo Akademi (Finnland) studiert und zur Resilienz von Haushalten gegenüber extremen Schadenserfahrungen am Beispiel eines Hochwasserereignisses in einer sächsischen Kleinstadt promoviert.

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